lebensqualität

Editorial LQ 3/2019

Für Menschen, die sich nicht mit Bewegung auseinandersetzen, mag das «Sich-Positionieren», der Schwerpunkt dieser Ausgabe, zu selbstverständlich klingen. Man geht, sitzt, liegt oder steht. Gibt es nicht wichtigere Themen?
Wer sich diese oder ähnliche Fragen stellt, für den könnte es schwierig werden, das Selbstverständliche zu begreifen. Es ist eine wissenschaftliche Fragestellung mit hoher praktischer Relevanz. Der Philosoph Paul Feyerabend, der aufgrund einer Kriegsverletzung an der Krücke gehen musste, stellte sie sich in seiner Autobiographie «Zeitverschwendung»: «Heute frage ich mich, wie die Leute ohne eine zusätzliche Hilfe stehen und gehen können. Ihr Zustand, nicht meiner, erscheint mir erklärungsbedürftig.» (Feyerabend 1995)
Die Antwort auf diese Frage kam in den 1970er Jahren mit den Forschungen des amerikanischen Verhaltenskybernetikers Karl Ulrich Smith. Seither wissen wir, dass wir gar nicht stehen, sondern nicht umfallen können.
Begriffe wie «ver-stehen» und «be-greifen» vermitteln eine sehr frühe Vorstellung, dass Erkenntnis auch ein körperlicher Vorgang ist, der auf dem «Sich-Positionieren» basiert. Wenn wir das Selbstverständliche wieder ver-stehen wollen, dann muss der Mensch sich selbst «gewahr» werden, wie Andrea Wildi Wyss (S. 44 f.) meint.
Diese Erkenntnisse zu Bewegung und Selbsterfahrung formen einen Paradigmenwechsel, der sich wie ein roter Faden durch die Leitartikel von Stefan Knobel, Ute Kirov, Maren Asmussen-Clausen und Esther Klein-Tarolli, aber auch durch die Praxisartikel zieht. Wahrscheinlich ist es diese vollkommen andere, nämlich integrale Sicht auf den Körper und seine Bewegung, die es in dieser kopflastigen Zeit schwer macht, das Selbstverständliche ver-stehbar und be-greifbar zu machen.
Ich wünsche Ihnen, dass die Lektüre dieser Ausgabe zu Ihrem persönlichen Be-greifen und Ver-stehen beiträgt!

Richard Hennessey

von Hennessey, Richard

Zeitschrift Lebensqualität 2019 Nummer 3 Titelseite